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FORSCHUNGSBERICHT 1999-2001

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SFB 534: "Judentum - Christentum. Konstituierung und Differenzierung in Antike und Gegenwart"

Allgemeine Angaben:
Poppelsdorfer Allee 82, 53113 Bonn
Telefon: 0228/73-4810
Fax: 0228/73-4809
eMail: sfb534@uni-bonn.de
WWW: http://wwwsfb534.uni-bonn.de

Sprecher:
Prof. Dr. Josef Wohlmuth

Projektleiter / Beteiligte Hochschullehrer:
Prof. Dr. Gottfried Bitter
Prof. Dr. Jürgen Fohrmann
Prof. Dr. Albert Gerhards
Prof. Dr. Frank-Lothar Hossfeld
Prof. Dr. Wolfram Kinzig
Dr. Michael Mach Tel Aviv
Prof. Dr. Paul Mendes-Flohr Jerusalem
Prof. Dr. Norbert Oellers
Prof. Dr. Gerhard Sauter
Prof. Dr. Heinz Schott
Prof. Dr. Horst Seebass
PD Dr. Robert Wenning
Prof. Dr. Josef Wohlmuth
Prof. Dr. Michael Wolter
Prof. Dr. Moshe Zimmermann Jerusalem

Projektbereiche und Teilprojekte:

A 1:  Ausbildung, Bewahrung und Fortsetzung eines identitätsstiftenden Ethos in Israel (Hossfeld, Altes Testament)

A 2:  Konstituierung und Differenzierung des nachexilischen Israel zwischen Rechtsüberlieferung und apokalyptischer Erfahrung (Seebass, Altes Testamen)

A 3:  Ethos und Identität im frühen Christentum und seiner Umwelt (Wolter, Neues Testament; Mach, Geschichte des Judentums; Wenning, Archäologie)

A 5:  Faszination und Herausforderung des Judentums für das Christentum (Kinzig, Kirchengeschichte; Zimmermann, Deutsche Geschichte)

B 2:  Deutsch-jüdische Schriftsteller und der Zionismus (Oellers, Germanistik, Literaturwissenschaft)

B 3:  Apokalypse und Messianismus. Redeformen politischer Theologie 1900 - 1933 (Fohrmann, Allgemeine Literaturwissenschaft)

B 4:  Eschatologie als Paradigma für den Differenzierungsprozess (Sauter, Systematische und Ökumenische Theologie)

B 5:  Sprache und Bildung. Deutsch-jüdische Autoren (1900 - 1993) im Gespräch mit christlicher Religionspädagogik (Bitter, Praktische Theologie, Religionspädagogik)

B 6:  Christliche Liturgie im Differenzierungsprozess von Judentum und Christentum (Gerhards, Liturgiewissenschaft)

B 7:  Psychoanalytische Psychosomatik im Spannungsfeld von jüdischer Identität, Assimilation und Antisemitismus (Schott, Geschichte der Medizin)

B 9:  'Jüdisches Denken' im 20. Jahrhundert und seine Herausforderung für die christliche Theologie (Wohlmuth, Dogmatik; Mendes-Flohr, Jewish Thought)

Forschungsprogramm:

1. Anlage des Gesamtprojekts Innerhalb des Pluralismus der religiösen Existenzorientierungen und der unterschiedlichen Lebensstile heutiger Kulturen sind - unbeschadet aller Asymmetrie - Judentum und Christentum in besonderer Weise aufeinander bezogen. Dies gilt nicht nur in Bezug auf die Elemente, die beide miteinander verbinden, sondern gerade auch bezüglich dessen, was sie voneinander trennt, nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Geschichte von Judentum und Christentum. Der geplante Sonderforschungsbereich will einen Bogen spannen - von der Erforschung der sich hier wie dort herausbildenden normativen Ursprünge - zur Erforschung des Verhältnisses von Christentum und Judentum in der Gegenwart, besonders im Kontext der Shoa. Die am Gesamtprojekt beteiligten Fachvertreter haben sich dazu entschlossen, das Forschungsvorhaben in zwei Projektbereichen zu bündeln: Projektbereich A ("Zu den Ursprüngen von Judentum und Christentum") befasst sich schwerpunktmäßig mit den Identitätsbildungen und Differenzierungsprozessen im Judentum und im Christentum in der Frühzeit. Dies geschieht unter dem Aspekt der Korrelation von Ethos und Identität. Die Modifikationen, die sich für das Verhältnis von Juden und Christen nach der Konstantinischen Wende, in deren Folge das Christentum zur Staatsreligion wurde, bis hinein ins Mittelalter ergeben, schließt sich als weiterer Schwerpunkt an. Projektbereich B ("Judentum und Christentum im Kontext der Shoa") konzentriert sich auf die Erforschung der Identitätsbildungen, die sich seit der Aufklärung in Judentum und Christentum im Kontext sich säkularisierender Gesellschaften durch Differenzierung und Assimilation vollzogen haben, durch die Shoa in die schwerste Krise geraten sind und nach der Shoa ein neues Beziehungsverhältnis von Judentum und Christentum verlangen.

Im Projektbereich A geht es dementsprechend vornehmlich um die Erforschung der anfänglichen historischen Prozesse, die etwa ab der Zeit des Zweiten Tempels zunächst die Konstitution des nachexilischen Judentums bestimmten und zu seiner inneren Differenzierung führten. In diesem historischen Kontext wird gezeigt, wie es zur Ausdifferenzierung des Christentums aus dem Judentum kommen konnte, so dass im Ergebnis schließlich zwei voneinander getrennte Religionen mit je verschiedener religiöser und lebensweltlicher Orientierung entstanden, und man von jüdischer und christlicher Identität sprechen kann. Beide Identitäten erhalten in der Spätantike mit dem politischen und sozialen Vorrang des Christentums eine neue Qualität. Von diesen Prozessen her ist dann auch die spätneuzeitliche Entwicklung von Judentum und Christentum und ihr problematisches Zueinander zu beleuchten; denn Projektbereich B untersucht - ausgehend von den Erfahrungen des 20. Jh. - die Bedingungen und Möglichkeiten der Identitäts- und Differenzwahrnehmung von Judentum und Christentum im Kontext der Kultur des 19. und vor allem des 20. Jh. Die große historische Lücke zwischen Antike und Gegenwart wird vorerst nur durch wenige exemplarische Einzeluntersuchungen und durch Gastveranstaltungen geschlossen. Die mehr als zweitausendjährige Entwicklung könnte ohnehin nicht auf Anhieb in ihrer Gänze bearbeitet werden. In einer Fortsetzungsphase des SFB werden die Lücken aber historisch, judaistisch und theologisch zu schließen sein, ohne den hermeneutischen Spannungsbogen zwischen Antike und Gegenwart zu vernachlässigen. Denn gerade in der hermeneutischen Ausrichtung des gesamten Forschungsprojekts entsteht eine innere Verflechtung der Projektbereiche und Teilprojekte. Das Forschungsvorhaben konzentriert sich also (zunächst) auf die beiden "Eckpunkte".

Somit ergibt sich für das Gesamtprojekt ein historischer und ein hermeneutischer Spannungsbogen. Historisch wird die Erforschung der identitätsstiftenden Anfänge in Judentum und Christentum mit der Erforschung der Krise in unserem Jh. konfrontiert, und die Analysen, die sich auf die Vernichtung des europäischen Judentums in unserem Jh. beziehen oder deren Umfeld betreffen, werden den Ergebnissen aus den Analysen der anfänglichen Differenzierungsprozesse gegenübergestellt. In hermeneutischer Perspektive, die beide Projektbereiche verbindet, wirft die Krise des Verhältnisses von Judentum und Christentum in unserem Jh., die in Projektbereich B im Mittelpunkt steht, Probleme auf, die auch für die historische Forschung in Projektbereich A relevant sind; umgekehrt bestimmen die Konstitutions- und Differenzierungsvorgänge, die im Projektbereich A analysiert werden, auch die Forschung im Projektbereich B. So wird sich zeigen, ob oder wie die Shoa von den Ursprungsprozessen und umgekehrt die Differenzierungsvorgänge der Frühzeit von der Shoa her verstanden werden können. Neben den Forschungszielen und -inhalten, welche die Teilprojekte der beiden Projekbereiche A und B miteinander vernetzen, ist es somit vor allem auch die gemeinsame hermeneutische Perspektive, die dem gesamten Forschungsvorhaben sein dynamisches Profil verleiht, beide Bereiche miteinander verklammert und die Kooperation der verschiedenen Disziplinen fordert und zugleich ermöglicht. Sofern dabei u. U. zugrundeliegende Strömungen, die mit typisch religiösen Konstituierungsvorgängen und Differenzierungsprozessen zusammenhängen, aufgedeckt werden, trägt das Forschungsvorhaben entscheidend dazu bei, die sich religionsphänomenologisch und religionskritisch aufdrängenden Probleme zu analysieren, von deren Bewältigung die Bedeutung von Religion für ein friedliches Zusammenleben der Menschen in stark partialisierten Gesellschaften abhängen wird. Dadurch lassen sich zugleich neue Perspektiven für die zukünftige Gestaltung des Verhältnisses von Judentum und Christentum gewinnen. 2. Problemstellung des Gesamtprojekts Die Ausdifferenzierung von Judentum und Christentum zu unterschiedlichen religiösen und kulturellen Systemen war ein in zeitlicher und sachlicher Hinsicht überaus komplexer Vorgang. Aus der historischen Größe "Israel", die in sich schon eine lange Tradition der Konstituierung und Differenzierung hinter sich hatte, bildeten sich noch zur Zeit des Zweiten Tempels neue religiöse Bewegungen innerhalb des Judentums aus, die schließlich nach der Zerstörung des Tempels zu zwei getrennten religiösen Systemen führten. Das sich danach neu konsolidierende Judentum und die entstehenden Jesusgemeinden traten zueinander in Konkurrenz. Bald trieb der Missionserfolg des Christentums unter den Völkern das mehr und mehr in die Minderheitsposition geratende Judentum in die Defensive. Obwohl das Christentum, das seine Eigenständigkeit betonte, aus theologischen Gründen den Bezug auf seine Herkunft aus dem Judentum nicht verleugnen konnte, wurde in der Folgezeit, zumal nach der Gewinnung der politischen und sozialen Hegemonie des Christentums im römischen Reich, die Versuchung groß, das Judentum geistig und politisch zu "überwinden". So konnte auf christlicher Seite überhaupt der Eindruck entstehen, dem Judentum sei religiös, kulturell und politisch die Daseinsberechtigung abzusprechen. Auch wenn das Christentum sich immer wieder auf den eschatologischen Vorbehalt besann, dominierte doch die Vorstellung, das Judentum sei dem Christentum - weil historisch, deshalb auch theologisch - unterlegen. Diese Einschätzung reichte wirkungsgeschichtlich über das Mittelalter herein bis in die Neuzeit.

Die Analyse der Konstituierungs- und Differenzierungsprozesse zunächst im frühen Israel selbst und dann - nach der Entstehung des Christentums - im Judentum und im Christentum steht im Mittelpunkt der in Projektbereich A zu leistenden Forschung. Dabei ist die Frage erkenntnisleitend, ob sich in den Differenzierungsprozessen - zunächst innerjüdisch, dann jüdisch-christlich - Wahrheits- oder Geltungsansprüche herausbildeten, die sich immer deutlicher gegenseitig ausschlossen. Dabei ist etwa J. Neusners These (in: Ders., Jews and Christians, 1991) zu prüfen, die besagt, dass auch schon die innerjüdisch ausdifferenzierten Gruppen gegen Ende der Zeit des Zweiten Tempels ihre Einzigartigkeits- und Absolutheitsansprüche erhoben, und dass sich nach der Zerstörung des Zweiten Tempels die Jesusgemeinden und die Synagogen des "formativen Judentums" durch ihre Absolutheitsansprüche als in sich geschlossene religiöse Systeme einander gegenübergestanden hätten, um später - je auf ihre Weise - unter den Druck des philosophischen Diskurses zu geraten. In der Folgezeit nahm jedenfalls der christliche Wahrheitsanspruch zunehmend universale Züge an.

Das Forschungsvorhaben wird zu klären haben, ob und in welcher Weise die Beziehungen von Judentum und Christentum in der Frühzeit sich auch noch auf die säkularisierten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse unseres Jh. auswirkten. Darüber hinaus steht von der Antike bis heute - wenn auch auf sehr verschiedene Weise - das Verhältnis von Religion und staatlicher Gewalt zur Debatte. In diesem Zusammenhang ist J.-F. Lyotards (philosophisch-politische) These zu hinterfragen, die lautet: "Rom wird, christlich geworden, Rom nachfolgend herrschen." (Ein Bindestrich - Zwischen ´Jüdischem´ und `Christlichem´, 1995, 49.) Insbesondere wird für unser Jh. zu prüfen sein, ob und in welchem Maße der Antisemitismus des nationalsozialistischen Staates selbst noch in seiner extrem säkularisierten Form auf einem mehr oder weniger offenen Antijudaismus des Christentums beruhte. Sollte sich ein Zusammenhang bestätigen, so ist die Verbindung zwischen christlichem Antijudaismus und säkularisiertem Antisemitismus näher zu präzisieren. An historischen Phänomenen des Philosemitismus wird zu zeigen sein, ob nur die Schattenseiten des Beziehungsverhältnisses von Judentum und Christentum dominierten oder ob es - wenigstens ansatzweise - auch zu tragfähigen Modellen positiver Beziehungen kam. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, dass eine differenzierte Analyse der Ursprungsvorgänge und der Vorgänge in unserem Jh. hermeneutisch und historisch die Verwendung eines einfachen Ursprung-Folge-Modells ausschließt.

Der Sonderforschungsbereich sucht zu klären, wie prinzipiell sich die durch die Differenzierung entstandenen Geltungsansprüche von Judentum und Christentum gegenüberstehen. Die am Projekt beteiligten Wissenschaften gehen von der Hypothese aus, die sich an wiederholt geäußerte Überlegungen des jüdischen Gelehrten Ernst Ludwig Ehrlich anschließt, dass beide Religionen sich nicht zuletzt deshalb so feindlich gegenüberstanden, weil sie auch eine innere Nähe zueinander behalten haben. Aus christlich-theologischer Sicht geht es dabei um folgende Gemeinsamkeiten: Beide teilen miteinander die Bibel Israels (jüdisch: den Tenach; christlich: das Alte bzw. Erste Testament), beide verehren den einen Gott, und beide erheben Erwählungsansprüche, die nicht notwendig exklusiv verstanden werden müssen. So wird angesichts der Gemeinsamkeiten zu fragen sein, welche Bedeutung im Laufe der Zeit die Differenzen im Ethos und in den dogmatischen Festlegungen erhielten. Tatsache ist, dass Judentum und Christentum, sozialgeschichtlich betrachtet, zunächst gleichermaßen als Minderheiten innerhalb ihres kulturellen Umfeldes lebten. Sie waren gewissermaßen verschwindende religiöse Subsysteme im römischen Reich. Erst nach längerer Zeit bildete sich eine christliche Mehrheitskultur (Stichwort: "Konstantinische Wende") heraus, in der das Judentum dann über Jahrhunderte hinweg nur noch als Minderheit existierte. Bei aller Verschiedenheit im einzelnen ist somit die Frühphase der gesellschaftlichen Stellung von Judentum und Christentum mit der heutigen Stellung der beiden Religionen als Subsysteme in der modernen Gesellschaft vergleichbar. Wo die Differenzen dennoch anzusetzen sind, ist im einzelnen genau zu eruieren. In diesem Zusammenhang erhält für die Gesamtperspektive des Forschungsvorhabens die Gründung des Staates Israel vor 50 Jahren, die für das Judentum in Israel und in der Diaspora eine neue Situation heraufgeführt hat, auch für die Beziehung des Christentums zum Judentum eine entsprechende Bedeutung. Insofern ist die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit israelischen Kollegen ein vielversprechendes Proprium dieses Forschungsvorhabens.

Obwohl die europäische Aufklärung Prozesse in Gang gesetzt hatte, die versprachen, alle bisherigen religiösen Differenzierungen in den Hintergrund rücken, ja vergessen machen zu können, erlebte das Verhältnis von Judentum und Christentum im 20. Jh. seine schwerste Belastungsprobe. Wenn also das Modell der Aufklärung nach der Shoa nicht mehr tragfähig erscheint, so fragen viele, zumal jüdische Stimmen, ob dieses Modell durch ein neues ersetzt werden kann. Auf dem Hintergrund der weiter unten dargestellten internationalen Shoa-Literatur eine Antwort auch auf diese Frage zu geben, ist eine der fundamentalen Herausforderungen dieses Forschungsvorhabens. Es wird zu prüfen sein, ob beide Religionen von den Anfängen her zu dem in der Lage sind, was E. Levinas eine "rationalité de la paix" genannt hat. In einer "Friedensrationalität" können Geltungsansprüche, die erhoben werden (müssen), nicht nur trennen, sondern auch zusammenführen, wenn sich im geduldigen Dialog bei allem Dissens auch eine vereinende Mitte ergibt. Auch dort, wo Christentum und Judentum aus ureigenstem Selbstverständnis heraus im Widerstreit verharren zu müssen glauben, können sie ihre Diskurse friedlich austragen. Wo dies aus gegenseitigem Respekt voreinander gelingt, führt es zu erheblichen Konsequenzen für eine Kultur des Zusammenlebens. Ein überzeugendes Modell der Verständigung zwischen den einst Zerstrittenen könnte auf längere Sicht u.a. auch dazu beitragen, in den modernen Gesellschaften die friedensstiftenden Kräfte der beiden Religionen zu stärken und fundamentalistische Rückfälle auf beiden Seiten zu verhindern. Ein neues dialogisches Verhältnis von Judentum und Christentum nach der Shoa könnte auch Modellcharakter für die Lösung jener Probleme erhalten, die im Nahen Osten anstehen.


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